Das auffällige Exlibris verweist auf den einstigen Besitzer der Bücher, Dr. Hermann Türck. Es zeigt in der Mitte das mit »Veritas« (lat. »Wahrheit«) überschriebene Gesicht Jesus Christus, dem links Hamlet, rechts Faust zur Seite gestellt sind. Bei den Bleistiftnotizen handelt es sich um spätere Eintragungen von Bibliotheksmitarbeitern. © Klassik Stiftung Weimar

Hermann Türck (1856–1933), ca. 1900. © Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)

Eine Notiz aus der Personalakte Susanne Türcks im Thüringischen Volksbildungsministerium. Der Sachbearbeiter vermerkte, dass Susanne Türck aufgrund ihrer jüdischen Herkunft für den Schuldienst abzulehnen sei. © Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Ausschnitt aus einer Notiz aus der Personalakte Susanne Türcks im Thüringischen Volksbildungsministerium. © Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Susanne Türck (1905–1976), 1930. © Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Der Fall Dr. Susanne Türck

Aktualisiert am 14. Mai 2020

Oft bestimmen die spektakulären Fälle die Berichterstattung über sogenanntes NS-Raubgut. Dadurch kann leicht der Eindruck entstehen, es handle sich bei »NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut« hauptsächlich um wertvolle Kunstgegenstände. Aber auch Bücher, Möbel und andere Alltagsgegenstände wurden den durch das NS-Regime Verfolgten auf die unterschiedlichsten Weisen entzogen. In vielen Fällen profitierten deutsche Museen, Archive und Bibliotheken davon.

Trotz ihres geringen Marktwerts können diese Gegenstände für die möglichen Erben von außerordentlicher individueller Bedeutung sein, handelt es sich dabei doch mitunter um die einzige materielle Erinnerung an die im Nationalsozialismus verfolgten Familienmitglieder.

Im Zugangsbuch der Thüringischen Landesbibliothek finden die Provenienzforscher Hinweise, dass im November 1933 Bücher aus dem Nachlass von »Dr. Türck« angekauft wurden. Ein auffälliges Exlibris, eingeklebt in einige der erworbenen Bände, verweist auf Dr. Hermann Türck als Vorbesitzer.

Das auffällige Exlibris verweist auf den einstigen Besitzer der Bücher, Dr. Hermann Türck. Es zeigt in der Mitte das mit »Veritas« (lat. »Wahrheit«) überschriebene Gesicht Jesus Christus, dem links Hamlet, rechts Faust zur Seite gestellt sind. Bei den Bleistiftnotizen handelt es sich um spätere Eintragungen von Bibliotheksmitarbeitern. © Klassik Stiftung Weimar

Das auffällige Exlibris verweist auf den einstigen Besitzer der Bücher, Dr. Hermann Türck. Es zeigt in der Mitte das mit »Veritas« (lat. »Wahrheit«) überschriebene Gesicht Jesus Christus, dem links Hamlet, rechts Faust zur Seite gestellt sind. Bei den Bleistiftnotizen handelt es sich um spätere Eintragungen von Bibliotheksmitarbeitern. © Klassik Stiftung Weimar

Genug Hinweise für die Provenienzforscher, um die Geschichte der einstigen Eigentümer zu rekonstruieren: Hermann Türck, geboren 1856, lebte in Weimar. Der Literaturwissenschaftler forschte zu Goethe, insbesondere zu dessen »Faust«-Drama. Einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte Türck durch sein Buch »Der geniale Mensch« (1897), das in zahlreichen Auflagen erschien. Im Lauf der Jahre baute sich der Wissenschaftler eine private Bibliothek auf.

1929 kehrte seine im Jahr 1905 geborene Tochter Susanne Türck nach Abschluss ihres Studiums nach Weimar zurück, um für ihren erkrankten Vater zu sorgen. Die promovierte Anglistin bereitete sich darauf vor, Lehrerin zu werden und absolvierte den Vorbereitungsdienst für den höheren staatlichen Schuldienst.

Hermann Türck (1856–1933), ca. 1900. © Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)

Hermann Türck (1856–1933), ca. 1900. © Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB)

Da es in Weimar jedoch keine freien Stellen an staatlichen Schulen gab, ließ sie sich beurlauben. Um den Lebensunterhalt für sich und ihren Vater zu finanzieren, arbeitete Susanne Türck ab 1931 an zwei privaten Schulen in Weimar.

Als Hermann Türck im April 1933 starb, erbte seine Tochter die Bibliothek. Im selben Monat erließen die Nationalsozialisten das »Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums«. Jüdische und politisch unerwünschte Beamte sollten von ihren Stellen entfernt und der öffentliche Dienst damit »gleichgeschaltet« werden.

Da sie sich im Wartestand des Thüringischen Volksbildungsministeriums befand, wurde Susanne Türck verpflichtet, einen Fragebogen mit Angaben zu sich und ihrer Familie auszufüllen. Hier erklärte sie, dass ihre Großeltern väterlicherseits beide jüdischer Herkunft waren. Ihr Vater Hermann Türck war zum Protestantismus konvertiert und auch Susanne Türcks Mutter war evangelisch. Im Zusammenhang mit einer Statusüberprüfung wurde später in ihrer Personalakte notiert: »Die Studienassessorin Frl. Dr. Susanne Türck ist nach ihren Angaben im Fragebogen vom 5. Juli 1933 Halbjüdin. Ihre Verwendung im Schuldienst kommt daher nicht in Frage«.

Ausschnitt aus einer Notiz aus der Personalakte Susanne Türcks im Thüringischen Volksbildungsministerium. © Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Ausschnitt aus einer Notiz aus der Personalakte Susanne Türcks im Thüringischen Volksbildungsministerium. © Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Zu diesem Zeitpunkt war Susanne Türck bereits nach Großbritannien emigriert. Die Bücher, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, hatte sie zuvor verkauft – sehr wahrscheinlich, um ihre Flucht aus Deutschland im Oktober 1933 zu finanzieren. Die Thüringische Landesbibliothek, eine der Vorgängerinstitutionen der heutigen Herzogin Anna Amalia Bibliothek, erwarb einen Teil der Bücher im Herbst 1933 über Ludwig Thelemanns Buch- und Kunsthandlung in Weimar. Weitere Bücher wurden seitens der Goethe-Gesellschaft erworben.

Die Provenienzforscher der Klassik Stiftung sind zu der Einschätzung gelangt, dass es sich bei den in den Beständen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek bislang ermittelten 189 Bänden (Stand Mai 2020) aus der Privatbibliothek Hermann Türcks um »NS-Raubgut« handelt. Susanne Türck verkaufte die Bücher, weil sie den Erlös für ihre Emigration benötigte, zu der sie sich aufgrund der 1933 einsetzenden Verfolgung gezwungen sah.

Susanne Türck (1905–1976), 1930. © Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Susanne Türck (1905–1976), 1930. © Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar

Gemeinsam mit der Goethe-Gesellschaft, deren historische Bibliotheksbestände heute in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aufbewahrt werden, beschloss die Klassik Stiftung, die Bücher an die Erben Susanne Türcks zu restituieren.

Die Erbensuche gestaltete sich jedoch schwierig. Susanne Türck war das einzige Kind Herrmann Türcks, blieb unverheiratet und hatte keine eigenen Kinder. Erst im Jahr 2019 gelang es, ihr Testament in Großbritannien aufzufinden. Susanne Türck hatte eine enge Freundin als Erbin eingesetzt, die inzwischen jedoch ebenfalls verstorben war. An die Erbin dieser Freundin konnten die Bücher schließlich restituiert werden.

Schwarz-Weiß-Foto von Susanne Türck Ende der 1940er-Jahre

Susanne Türck Ende der 1940er-Jahre, Foto: © privat

Aufgrund ihrer Bedeutung für die Weimarer Bestände vereinbarte die Klassik Stiftung, die Bücher anschließend zu erwerben. Der Vertrag wurde im April 2020 abgeschlossen. Die Bücher aus der Bibliothek von Hermann Türck sind nun rechtmäßiges Eigentum der Klassik Stiftung Weimar.

Zur Reihe »NS-Raubgut in der Klassik Stiftung Weimar«

In den Beständen der Klassik Stiftung Weimar befinden sich unrechtmäßig erworbene Kulturgüter. Seit 2010 sucht die Stiftung systematisch nach sogenanntem NS-Raubgut und strebt gemeinsam mit den Verfolgten oder deren Erben gerechte und faire Lösungen an. 2011 hat die Stiftung diese Aufgabe in ihr Leitbild aufgenommen.

In mehreren Fällen konnten als »NS-Raubgut« identifizierte Objekte an die Erben der einstigen Besitzer zurückgegeben werden. Seit November 2015 ist die Mobile Vitrine auf Wanderschaft durch die Foyers der Häuser und stellt besonders interessante Einzelfälle von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern und die Verfolgungsschicksale der früheren Eigentümer vor.

Zu jedem Fall wird ein Blogbeitrag veröffentlicht.

Romy Langeheine

Romy Langeheine studierte Jüdische Geschichte und Linguistik an der Universität Erfurt, der FU Berlin und an der University of Sussex. Ihre Promotion über den Nationalismusforscher Hans Kohn erschien 2013 im Göttinger Wallstein Verlag. Romy Langeheine arbeitet als selbstständige Kuratorin und Lektorin in Jena.

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Mehr zum Thema Provenienzforschung:

Der Fall Ernst Polaczek: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 6

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Der Fall Michael Berolzheimer: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 3

Der Fall Arthur Goldschmidt: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 2

Der Fall Josefine Lechner: NS-Raubgut in der Klassik Stiftung, Teil 1

Die Biografie hinter dem Objekt: Auf der Suche nach NS-Raubgut

Glossar Provenienzforschung